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Louis Schiller Wohnhaus Berliner Straße 40, Foto: © Nachlass Schiller

"Papa Schiller": Mit großer Lust und Geschick

Foto: © Nachlass Schiller - "Gerade die Anwohner der Berlinerstraße […] haben durch den Staub sehr zu leiden. Es wäre zu empfehlen und nachgerade nothwendig, daß die Hausbesitzer die Straßen täglich, mindestens dreimal reichlich sprengten." Mit den Nebenwirkungen von Baustellen hatten die Finsterwalder Bürger also schon um die Jahrhundertwende zu kämpfen. Das berichtete der Niederlausitzer Anzeiger, der Vorläufer der heutigen Lausitzer Rundschau, seinen Lesern im Juni 1899. Ursächlich für den Staub waren Kanalisationsarbeiten, die bereits zwei Jahre zuvor begonnen hatten. Inmitten eines neuen Bauabschnitts lag seit März das schmale Haus Berliner Straße 40.

Wie beengt die Lebensverhältnisse zu dieser Zeit waren, zeigt ein Blick in das Finsterwalder "Adreßverzeichnis für das Jahr 1910". Das einstöckige Haus besaß nach hinten niedrige Nebengebäude, in denen sich außer einigen Ställen auch eine Bäckerei befand, sowie ein zum Garten gelegenes Quergebäude. Nach Auskunft des Adressverzeichnisses lebten in dem Wohnhaus und seinen Gelassen sechs Parteien:

  • Louis Schiller (Hauptlehrer)
  • Moritz Jehser (Bäckermeister)
  • Caroline Bahl (Wäscherin)
  • Caroline Hille (Witwe)
  • Caroline Stuckartz (Witwe)
  • Marie Bredenow (Wirtschafterin)
Fünfzig Jahre zuvor war Heinrich Louis Schiller als junger "Lehramtskandidat" von Lauban, einer schlesischen Stadt etwa 20 km östlich von Görlitz, nach Finsterwalde gezogen. Seine wenigen Habseligkeiten, ein Schrank, eine Kommode und einige Stühle, die er auf einer Kutsche mitbrachte, verloren sich in der für ihn allein viel zu großen Wohnung. Gleich der erste Tag an der Knabenschule bescherte dem jungen Mann eine ungewollte Überraschung: Er stand vor einer Anfangsklasse, die selbst für damalige Verhältnisse mit 113 Jungen ungewöhnlich groß ausfiel.

Doch Schiller fand Gefallen an Finsterwalde. Bürgermeister Albert Dürisch vertraute ihm zusätzlich seine jüngsten Kinder als Privatlehrer an, sein Gehalt stieg langsam aber stetig. Und er machte seinen Weg: 1890 wurde er schließlich zum Hauptlehrer ernannt und war Vertreter des für mehrere Schulen bestellten Schulleiters Nafe. Auch gründete er eine Familie. Zunächst mit seiner ersten Frau Bertha Schiller geb. Kämmerer, nach ihrem sehr frühen Tod mit seiner zweiten Frau mit gleichem Vornamen geb. Koswig. Zwei Kinder aus seiner ersten Ehe, Elise und Gertrud, sowie die Tochter Elsbeth aus Bertha Koswigs erster Ehe vergrößerten die glückliche Familie.

57 Jahre lebte Louis Schiller im dem Haus in der Berliner Straße. Erhalten geblieben sind u.a. drei Inventarlisten, die jüngste aus dem Jahr 1882. Daraus geht hervor, dass der Wert der Einrichtungsgegenstände mit rund 10.000 Taler geschätzt wurde; etwa das 20fache von Schillers damaligen Jahresgehalt. Darunter ein Piano, eine Violine und Noten. Für Gartenarbeit hatte er bereits in Lauban "große Lust und Geschick" entwickelt, schrieb er später in seinen Lebenserinnerungen. Auch in Finsterwalde konnte er dieser Lieblingsbeschäftigung in dem langgestreckten Garten hinter seinem Haus bis in das hohe Alter nachkommen.

Doch eigentlich stand die Vereinsarbeit im Mittelpunkt des Lebens von Louis Schiller. Er war Gründer und Vorsitzender des Finsterwalder Turnvereins, Gründer und Dirigent der "Liedertafel", mit der er das Sängerlied populär machte, Branddirektor der Freiwilligen Feuerwehr und gehörte zu den Stiftern der Finsterwalder Freimaurer-Loge. Seine zahlreichen Ehrenämter, seine pädagogischen Tätigkeiten, die ihm den liebevollen Namen "Papa Schiller" eintrugen, sowie seine vielfältigen Initiativen zur kulturellen Entwicklung von Finsterwalde sind bis heute ein großes Vorbild und der Grund für die jährliche Vergabe einer nach ihm benannten Bürgerverdienstmedaille.

Louis Schiller starb im 79. Lebensjahr am 11.02.1917. Die Trauerfeier begann bei seinem Wohnhaus in der Berliner Straße 40. Noch wenige Jahre zuvor hatte er bauliche Veränderungen durchführen lassen, auf sanitäre Einrichtungen aus Sparsamkeit jedoch weiterhin verzichtet. Dabei hätte sich die Inkaufnahme der Staubentwicklung beim Bau der Kanalisation zur Jahrhundertwende nun im Nachhinein gelohnt.

Am 100. Todestag wurde an Schillers schmalem Wohnhaus eine Gedenktafel enthüllt, die an seine Verdienste und sein Leben in Finsterwalde erinnert: Lausitzer Rundschau »
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